Beginnen wir das neue Jahr doch mit einem längeren Faselbeitrag. Schließlich soll das Blog ja nicht nur aus bunten Bildern bestehen ;-).

Man mag sich erinnern, daß ich mich vor einiger Zeit mal dezent lobend zum Geek-Magazin aus dem Panini-Verlag geäußert hatte. Das ist eine aktuelle Zeitschrift, die es in guten Momenten durchaus schafft, auch differenziertere und nachdenklichere Artikel zu verschiedensten Geek- und Medienthemen zu bringen. Sicherlich spricht mich von der Mentalität her nicht alles an, aber diverse Artikel und Kolumnen lassen sich durchaus mit Gewinn lesen – und das ist immerhin mehr, als man über manch anderes angepasste Hochglanzprodukt im Zeitschriftenregal sagen kann. Negativ fallen beim Geek-Magazin bisweilen der kommerzielle Fokus auf das eigene Verlagsprogramm und auch diverse Tippfehler und/oder schlechte Recherche auf – gerade wenn es um Themen aus der Vergangenheit geht.

Dennoch hatte ich vor einiger Zeit die theoretische Idee geäußert, daß man in der Machart dieser Zeitschrift doch eigentlich auch ein „20th Century Geek“-Magazin produzieren könnte, also eine Zeitschrift über geekige Subkultur (Scifi, Fantasy, Comics, Bücher, Technik etc.) in Verbindung mit einem der Vergangenheit gegenüber respektvollen „Retro“-Konzept. Wer den Beitrag im alten Blog noch einmal lesen möchte, siehe hier.

Hey, ob von den Leuten aus dem Verlag jemand im Blog mitliest und meine Ideen „aufgreift“? Tatsache ist jedenfalls, daß aktuell eine Geek-Spezialausgabe mit dem beliebten Thema 80er Jahre erschienen ist. Jedenfalls prangt in großen Lettern gelb auf rosa das vollmundige Versprechen „So waren die 80er Jahre“ auf dem Cover, umgeben von den üblichen visuellen Ikonen wie Terminator, Tron, Knight Rider, A-Team und Indiana Jones. Naja, ist als Titelbild nicht gerade einfallsreich, und zeigt vielleicht schon ein generelles Problem auf – die Reduzierung eines Jahrzehntes und Zeitgeistes auf Nostalgie, buzzwords und ikonische Bilder. Das Heft selbst fühlt sich recht dünn an, und ich hatte schon im Zeitschriftenladen gewisse Zweifel an Tiefgang und Vielseitigkeit des Inhalts. Aber egal, es war einen Blick wert.

Persönlich bin ich eher ein Freund der 70er Jahre. Was eigentlich erstaunlich ist, da ich diese ja nicht besonders aktiv erlebt habe, und daher auch keine Aspekte aus den 70ern mit persönlichen Erlebnissen und Gefühlen verbinden kann. Was in gewisser Weise vielleicht sogar besser ist, denn eine Faszination mit einer Zeit bildet sich dann eventuell auf einer anderen Basis, als „nur“ aus nostalgischer Rückbesinnung und kleinen „Fluchten“ in die Kindheit. Sofern es mich betrifft, haben die 1970er jedenfalls gerade mit Blick auf Zeitgeist, Filme, Serien, Bücher, Comics und Technik eine größere Anziehungskraft, weil viele Dinge noch ungeschliffen und im Entstehen begriffen waren.

Man nehme z.B. die ersten Homebrew-Computerszenen, neue Serienformate und Filmästhetiken, gerade auch die Entwicklungen im japanischen Anime-Bereich, bei dem sich zwischen 1970 und 1979 alle grundlegenden Genres herausgebildet haben. Und auch Serien wie z.B. „Doctor Who“ hatten in den 70er Jahren ihre Glanzzeit, von den politischen Untertönen und dem „gritty realism“ der ersten Pertwee-Staffel 1970 bis hin zu Douglas Adams als Script Editor bei Tom Baker 1979. Ab den 1980er Jahren ging die Serie IMO inhaltlich den Bach runter und orientierte sich lange Zeit nur noch am größtmöglichen Quotenmarkt. 80er-Jahre-Denken eben.

Langer Rede wenig Sinn – ich kann den einseitigen Retro-Fokus auf die 80er Jahre oftmals nicht ganz nachvollziehen. Die Vergangenheit ist ein Geflecht aus Ideen und Strömungen und besteht aus mehr als nur einem einzigen Jahrzehnt. Die 80er waren eine Zeit, die sicher viele faszinierende Entwicklungen und neue Horizonte gebracht hat. Sie waren aber auch eine Zeit, in der IMO das Originale und Ungeschliffene der 70er Jahre oft ein wenig zu sehr geschliffen und gestylt und bunt kommerzialisiert wurde. Alles wurde plötzlich Business und Trend.

Was vielleicht auch der Grund ist, warum sich heute vieles aus den 80er Jahren kommerzialisieren, instrumentalisieren, nostalgisieren und auf buzzwords und Ikonen reduzieren lässt. Überhaupt ist grobe Reduktion ein übliches Werkzeug der Moderne – wenn z.B. ein privater Radiosender mal wieder „die beste Auswahl und die größten Hits der 80er“ bringt, dann bedeutet das in der Regel nur ca. 25 ständig wiederholte Lieder aus einem festen Schema. Meine Idee für ein Magazin der Vergangenheit hätte daher viele Jahrzehnte abdecken bzw. aufzeigen sollen, wo z.B. die Wurzeln für jene Dinge lagen, die in den 80ern den Zeitgeist ausgemacht haben. Nur 80er ist mir zu wenig.

Wie aber schlägt sich denn nun die Spezialausgabe des Geek-Magazins? Ich muß sagen, sie ist eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn man denn mit den passenden Erwartungen herangeht. Natürlich wird das Jahrzehnt medial auf das Wesentliche reduziert – und das heißt eben z.B. Videokassetten, bunte Trashfilme mit Action und Endzeit, US-Serien wie A-Team, Knight Rider und Alf im Fernsehen, C64 und NES zum Daddeln. Daneben stehen ein paar durchaus komplexere Artikel, z.B. über das deutsche Genrekino der 80er Jahre, ein längerer Videokassetten-Artikel, VHS vs Betamax, ein Beitrag über das Zukunftsbild in 80er Filmen, Pen&Paper-Rollenspiele, sogar politischer Hintergrund und kalter Krieg und anderes. Es gibt auch ein nettes Interview mit Hendrik Johannsmeier, der den Online-VHS-Versand mit Videothek betreibt, die ich schon mal erwähnt habe.

Gerade bei diesem Interview klingt aber fast ein wenig die Überheblichkeit der Moderne mit, als der Interviewer nicht recht glauben mag, daß es noch Leute gibt, die DVD und Bluray gänzlich ablehnen, oder sich darüber wundert, warum man sich Filme, die doch „sogar in 4K“ erhältlich sind, noch auf VHS antun mag. Man hat ein wenig den Eindruck, als würde ständig nach einer Rechtfertigung für das analoge Leben gesucht, und Hendrik muß sogar noch betonen „…die Qualität des Bildes ist viel besser, als man heutzutage meint…“

Und im Ton dieses Interviews klingt für mich exemplarisch wieder ein wenig die generelle Problematik moderner Retrozeitschriften und Artikel an – Redakteure und Artikelschreiber gehen einfach von ihrer heutigen, digitalen Lebenswelt und ihrem Standpunkt aus an die Themen heran. Das heißt dann z.B. man hat als zeitgemäßer Redakteur daheim Tausende von digitalen Filmen und Serien in entstofflichter Form, konsumiert mittels Mausklick per netstreaming in UltraHD auf Flachbildschirm und SmartTV die neuesten Inhalte und Blockbuster, hat ständigen medialen Zugriff per youtube und Smartphone, klickt und bewertet und kategorisiert und sonstwas. Wie es sich halt gehört. Und dann soll man sich „zurück“ begeben, und einen wohlwollenden Artikel über 80er Jahre TV-Serien schreiben, oder über obsolete Videobänder und analoge Hörspiele, oder über Leute, die sich heute noch staubige VHS online bestellen, obwohl es doch viel bessere „Alternativen“ gibt. Und dadurch entsteht IMO das Problem, daß die Autoren zwar oft mit besten Absichten herangehen, im Endeffekt aber doch ein etwas herablassender oder spöttelnder Unterton mit einfließt.

Weil halt alles lange her. Weil halt heute alles anders ist. Weil es einfacher ist, sich nur die positiven Dinge herauszupicken und unbequeme Aspekte nur dann zu nennen, wenn man über „Verklärung“ und „rosarote Nostalgie-Brille“ sprechen möchte. Und je weiter man sich als Autor von der etablierten Retro-Komfortzone entfernt, desto schwieriger wird es, objektiv und respektvoll zu bleiben. Artikel über irgendwelche modernen RetroPodcasts oder Nachbauten für NES-Fun auf UltraHD oder aktuelle Bücher und Romane mit kultigem 80s-Style schreiben sich da noch recht einfach. Aber Artikel, die sich ungewöhnlichen Serien der 80er jenseits von Knight Rider und A-Team widmen sollen, oder Artikel über Videokassetten in langlebigen und über 30 Jahre alten Rekordern, oder Artikel über Computerspiele von 5,25″-Diskette oder Audiokassette in langsamen Laufwerken – da wird es oftmals schon schwieriger, und der Autor kommt oft nicht „aus den Schuhen“ eines Menschen im Jahr 2017/18 heraus, und schreibt dann entweder mit leichter Irritation oder Amüsement über das entsprechende Thema. Wohlgemerkt nicht immer, aber es kommt doch vor.

Besonders deutlich zeigt sich diese gewisse Herablassung im Artikel mit dem Titel „Colt Seavers ist nur eine verklärte Erinnerung – oder: warum viele Serien aus den 80ern heute unguckbar sind“. Nach so einer Einleitung bleibt dem Leser nicht mehr viel Raum, sich eine eigene Meinung zu bilden. Natürlich handelt der folgende Text davon, wie man veraltete Serien zu empfinden habe. Zitat „Aus heutiger Sicht erscheint das alles so unfassbar öde…“ Besonders hart trifft es natürlich unseren guten Stuntman/Kopfgeldjäger Colt Seavers. Der ist nicht nur das Produkt einer unanschaubaren, billigen und dilettantischen (Un)serie, die man heute nur noch im Zustand absoluter Verklärung ertragen kann, nein, es kommt gleich noch schlimmer. Ein einzelnes Szenenfoto beweist es. Dort sehen wir Colt und Howie in Klamotten und die blonde Dame (Jody?) im knappen Bikini. Aha. Frauenverachtend und sexistisch. Noch schlimmer als unanschaubar. Aber kann ja sein. Nur sollte man sich pauschalisierend vorschreiben lassen, eine Serie sei nun unanschaubar, nur weil jemand darin einen Bikini trägt? Auch andere Artikel legen einem nahe, wie viel „Unwohlsein“ man heute zu empfinden habe, wenn man 80er Sexismus in Serien und Filmen entdeckt.

Ich schweife etwas vom Thema ab, aber das ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür, warum Retro-Artikel und Zeitschriften im 21. Jahrhundert stets ein inhärentes Problem haben – der Schreiber ist immer auch mit ein Produkt des modernen Zeitgeistes, der Medienschwemme und der Lesererwartungen. Ältere Serien und Filme sind nicht deswegen „unguckbar“, weil sich der Schreiber vorher alles objektiv im Detail angesehen und etliche Folgen, Stärken und Schwächen, Querverbindungen zum damaligen Zeitgeist etc. bewertet hat. Nein. Sie sind deswegen unguckbar, weil es der Schreiber heute subjektiv so empfindet. Weil man heutzutage vermutlich so viele unglaublich gute und zeitgemäße Topserien mit großem Budget hat, die komplexeste Handlungsfäden erzählen, den Zuschauer fordern, ganze Netcommunities mit Leben versorgen, absolut definitiv nicht mehr doof und sexistisch sind, und überhaupt und sowieso. Und von dem Standpunkt aus gesehen ist es halt einfach, pauschalisierend die Nase zu rümpfen. Heute ist eben alles so „gut“, daß früher nur verlieren kann.

Um das Problem auch noch im Computerspielbereich kurz aufzuspüren: ganz hinten im Heft gibt es noch einen kunterbunten und oberflächlichen Artikel über moderne Retrogames, die einen mit dem „Feeling“ der Vergangenheit versorgen können. Nach einem Loblied auf die Moderne, die das Gaming auf „eine neue Ebene“ gehoben hat, erfahren wir, daß es doch tatsächlich noch Leute gibt, die Spiele wie in der „guten alten Zeit“ (nur echt mit Anführungszeichen) möchten. Was tun? Ich zitiere den Artikel: „Okay, man kann natürlich den Amiga oder das NES entstauben (falls sie nicht ohnehin längst das Zeitliche gesegnet haben) und zu den Originalen aus der Kindheit und Jugend greifen…“ Der Satz gibt uns also bereits zwei Ideen vor – entweder die alte Hardware ist physisch oder metaphorisch verstaubt, oder aber sie ist sowieso defekt. Außerdem ist das alles zu kompliziert. Zum Glück fährt der Artikel fort und erklärt, daß es Retrospaß auch auf zeitgemäßer, sauberer und natürlich funktionierender Hardware gibt.

Kann ich das Magazin trotzdem empfehlen? Mit gewissen Einschränkungen durchaus. Die Recherche ist relativ gut, die Artikel sind aber oft auch zu kurz, um zu einem Thema in die Tiefe zu gehen. Weniger bunte Bilder und mehr Text und Gedanken wären manchmal hilfreich gewesen. Neben der üblichen US-Serienkost und Kritik an deren Mängeln, werden auch klassische Serienperlen erwähnt, denen man heute noch eine Chance geben sollte – natürlich auf digitalem Datenträger. Hier wird aber die Argumentation ein wenig inkonsistent, da vorher fast alles „runtergeputzt“ wurde und wir nun plötzlich erfahren „Auch die 80er brachten großartiges Fernsehen hervor…“ Es fällt zudem auf, daß es ausschließlich US-Zeugs ist, während so manche Film- und Serienperle der 70er und 80er Jahre eher im Bereich UK, Frankreich und Japan zu finden ist. Aber es geht ja schließlich um allgemeine nostalgische Erinnerung, und dafür sollte eine Serie dem deutschen Zuschauer bekannt sein.

Wer zufällig EUR 6,99 für ein recht dünnes Magazin übrig hat, daß auf der 80s-Retrowelle kommerziell mitschwimmen möchte, und in einigen Artikeln durchaus mit ein wenig Substanz überraschen kann, kann im Zeitschriftenladen gerne zugreifen. Vielleicht gibt es ja irgendwann noch eine bessere 70er-Jahre-Ausgabe, die einige der Mängel vermeidet. Wäre schön.

Wo wir gerade über Zeitschriften sprechen – ich suche immer noch frühe Ausgaben vom Computer-Flohmarkt aus den Jahren 1989 – 1993. Meine Sammlung beginnt erst Ende 1993 und laut mancher Aussage sollen die frühen Ausgaben ja besonders schräg gewesen sein. Vielleicht hat noch jemand welche bei sich herumliegen?

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