Um nochmals ein Thema aufzugreifen, daß ich weiter unten im Däniken-Beitrag schon angesprochen hatte – den Überfluß an „ultimativen“ Beweisen für sogenannte paranormale Phänomene, der in den letzten Jahren als digitale Schwemme über die Welt hereingebrochen ist. Gerade auf Plattformen wie youtube ist das Thema wohl auch zur „creepy“ Unterhaltungskultur geworden, bei der sich so manche Channel mit den coolsten und gruseligsten Filmchen gegenseitig überbieten wollen. Was auf der Strecke bleibt, ist natürlich die Hinterfragung und die Wahrheit – und eventuell auch der „sense of wonder“, der früher einmal mit den imaginären Welten verbunden war.

Nun war ich ja schon immer interessiert an dieser Art von Phänomenen – einerseits „erwachsen“ an der soziokulturellen Seite und der Wahrnehmung solcher Ereignisse durch Individuum und Gesellschaft (jepp, das klingt wichtig ;-)), andererseits aber auch aus Freude am „kindlichen“ Staunen und der prinzipiellen Möglichkeit, daß es eventuell mehr Dinge im Universum gibt, als nur die reine Schulwissenschaft. So finden sich ja auch einige Bücher zu entsprechenden Themen in meiner Sammlung. Die Auswahl reicht von totalem Unfug und schlecht recherchierter Geldmacherei mit „Mystery“ bis hin zu komplexeren Überlegungen wie z.B. J. Allen Hyneks „The UFO Experience“ oder Jacques Vallets „Passport to Magonia“ aus den 60er Jahren. Es sind überhaupt einige Bücher mit schon dezent vergilbtem Papier dabei, und das ist irgendwie stets auch ein Garant dafür, daß das Thema noch ohne digitalen Vorfilter betrachtet wurde.

Sucht man heute kurz auf youtube, dann findet man natürlich Tausende von Videos zu allerlei paranormalen Themen. Nix mehr mit subjektiven Augenzeugenberichten, unscharfen Schwarzweißfotos und analogen Wackelfilmen als „Beweis“. Wir leben in einer digitalen Überwachungswelt und kein übernatürliches Wesen kann sich mehr vor youtube verstecken. All die vielen Videos sind oftmals geradezu unglaubliche Beweise für die tägliche Existenz von UFOs, Aliens, Geistern, Bigfoot, Menschen mit Superkräften, Zeitreisenden, Engeln, Monstern, Elfen und interdimensionalen Wesen aller Art. Wer kann da noch Skeptiker bleiben, wenn die „Beweise“ in Form von Bits und Bytes über den Screen flimmern? Die ganzen mürrischen GWUPler sind eigentlich obsolet und könnten sich ein neues Hobby suchen.

Wenn man sich die Frage stellt, wo auf einmal die vielen Videoaufnahmen und Fotos herkommen, gelangt man natürlich erst einmal zur naheliegendsten Antwort – die moderne Welt ist zugepflastert mit Überwachungskameras und außerdem hat jeder potentielle Augenzeuge heutzutage eine Digitalkamera dabei. Und das wäre im Prinzip ja positiv. Niemand ist mehr darauf angewiesen, nur sagen zu müssen, er hätte etwas Ungewöhnliches gesehen. Wahrnehmung ist immer subjektiv, und so mancher persönliche Zeuge eventuell paranormaler Dinge musste sich in der Vergangenheit anhören (sofern er denn auf seiner Glaubwürdigkeit beharrte), er würde doch nur persönlich glauben, etwas gesehen zu haben, weil seine Wahrnehmung und sein Gehirn einen Sinneseindruck falsch interpretiert haben. Aber nun könnte man als Zeuge sagen: „Moment mal. Meine Digitalkamera bleibt objektiv und hat das selbe gesehen wie ich. Guckst du hier…“ und sich dabei bestätigt fühlen.

Nur leider sind die Dinge im 21. Jahrhundert halt nicht so einfach. Zusammen mit der Verbreitung von Kameras wurden auch mancherlei andere Dinge verbreitet. Zum Beispiel die technische Möglichkeit, auch privat die komplexesten Spezialeffekte per Klick am Computer zu basteln. Oder die Existenz von kleinen Spezialeffekt-Firmen, die sich mit der viralen Verbreitung von „creepy“ Videos vielleicht einen Namen in der Branche machen wollen („Kennen sie dieses und jenes Gruselvideo auf youtube? Hundertausende von Klicks und fast jeder hat es geglaubt. Das Video hat unser jüngster Azubi am Computer gemacht…“) Es ist in dem Sinne auffällig, daß zahlreiche dieser Videos aus ostasiatischen Ländern wie China, Korea und Japan kommen, wo Menschen und Firmen oft eine starke Affinität zu digitalen Tools und augmented reality haben. Und last but not least natürlich die ultimative Motivation für die Fälschung von Videos – viele Klicks, Likes, Aufmerksamkeit und das Heraustreten aus der Anonymität des Internets für einen kurzen Moment.

Es mag symptomatisch sein, daß auch der clickbaitmäßige Bombast entsprechend zugenommen hat, und jede Glaubwürdigkeit untergräbt. Wer möchte denn heute noch ein Filmchen sehen, bei dem sich ein winziger Lichtpunkt ungewöhnlich am Himmel bewegt, oder bei dem ein kleiner Gegenstand eine kaum wahrnehmbare Bewegung zeigt, die aber eigentlich nicht da sein dürfte. Nix da. Heute müssen kilometergroße Raumschiffe oder Kreaturen über den Himmel kreuzen (die aber erstaunlicherweise sonst niemand gesehen hat). Oder Geisterkräfte tonnenschwere Autos durch die Luft werfen. Oder sich Leute vor laufender Kamera mit Superkräften durch die Gegend teleportieren. Es ist schon höchst erstaunlich, wie sehr die eigentlich zeit(geist)losen und in der Vergangenheit stets im Verborgenen „existierenden“ paranormalen Wesen und Dinge auf einmal darum bemüht sind, eine möglichst gute Show abzuliefern, damit man was zum Bewerten hat.

Ist also inzwischen alles Quark? Oder war es das schon immer, und der Quark hat sich nur ein neues Ventil gesucht? So wie man früher Gruselgeschichten erzählt hat, klickt man sich heute durch die creepy channels. Und vielleicht sogar noch weniger als das, denn wo die Gruselgeschichte und das subjektive Erlebnis früher eventuell einen bleibenden Eindruck hinterließen, betrachtet man heute ein Video mit dem Titel „Grauenhaftes paranormales Erlebnis“ mit der gleichen Beliebigkeit wie ein Video mit dem Titel „Geiler Fun – Alter Sack tritt in Hundekacke“. Sind also 100% dieser Videos Fälschungen? Oder sind 99,9% dieser Videos Fälschungen? Oder etwa weniger? Was wäre, wenn tatsächliche Beweise und echte Augenzeugen dabei wären, die mittels Video Antworten auf ihre Fragen suchen? Es würde doch alles in einem einförmigen Brei untergehen, und der „echte“ Beweis müsste sich wahrscheinlich dafür abwerten lassen, daß er nicht spektakulär genug ist. Fälschungen unterhalten besser.

Im Grunde haben wir den technologischen Zustand erreicht, den sich manche Autoren in den 60er und 70er Jahren in ihren Büchern in den Schlußworten herbeigewünscht haben – die globale Möglichkeit, Erlebnisse und Beweise in großem Umfang zu sammeln, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, interdisziplinär zu betrachten und zu bewerten. Nur anders, als es sich die Autoren seinerzeit gewünscht haben, hat es leider nicht zu einer Welt geführt, in der sich neue Erkenntnisse über Dinge jenseits der Schulwissenschaft geöffnet haben. Es ist einfach nur eine Sparte der Unterhaltungsindustrie geworden, die sich (wie alles heute) der Bewertung durch den Konsumenten stellen muß.

Hier noch ein paar exemplarische Videos per Schnickschnacklink ohne wertenden Kommentar von mir.

https://www.youtube.com/watch?v=EduJaEzc7tY

https://www.youtube.com/watch?v=PhK3sR1DRRQ

https://www.youtube.com/watch?v=YdKphX1pgmA

https://www.youtube.com/watch?v=WLAiRilLN2k

Das ist alles irgendwie schön bunt und creepy und das oberflächliche Gesabbel des coolen Moderators bringt das Problem mehr als einmal auf den Punkt – ist es wahr, ist es unwahr, who cares, es ist unterhaltsam. Und das ist vielleicht der Grund, warum ich meine Nase lieber in ein altes Buch stecke und mir dort wacklige Schwarzweißfotos betrachte, die die Fantasie anregen können. Vielleicht gibt es dort draußen doch unentdeckte Wahrheiten, und der Zugang dazu liegt in einer Fantasie, die durch eine vergilbte Buchseite und ein altes Foto mehr angesprochen werden kann, als durch alle ultimativen Videobeweise der Moderne zusammen.

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